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Yobitsugi – Die Einladung fremder Scherben

Autorenbild: Eva Lenz-Collier
Eva Lenz-Collier
22. Sept.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Sept.

Bei der traditionellen Reparatur von Keramik gibt es unterschiedliche Techniken, mit denen beschädigte Gefäße wieder zusammengefügt oder ergänzt werden. Beim Tametsugi (Urushi-Tsugi) werden die zerbrochenen Scherben mit farbigem Urushi, etwa dunkelrotem Bengara-Urushi oder schwarzem Kuro-Urushi, veredelt. Beim Kintsugi werden die Bruchstellen durch eine sichtbare Veredelung, etwa mit Gold, hervorgehoben. Beim Yobitsugi wird ein Fragment eines anderen Keramikgefäßes verwendet, um Fehlstellen zu ergänzen. Unterschiedliche Keramiken, Glasuren und Oberflächen treten miteinander in Verbindung und werden durch die Reparatur zu einem neuen Ganzen.


Sake-Becher im Ko(Old)-Karatsu-Stil mit Yobitsugi- und Kintsugi-Verzierungen, datiert auf das späte 16. bis frühe 17. Jahrhundert. (Foto: Robert Yellin Yakimono Gallery)
Sake-Becher im Ko(Old)-Karatsu-Stil mit Yobitsugi- und Kintsugi-Verzierungen, datiert auf das späte 16. bis frühe 17. Jahrhundert. (Foto: Robert Yellin Yakimono Gallery)

Yobitsugi lässt sich damit als eine besondere Form des Kintsugi verstehen, die den Gedanken der Reparatur um eine weitere Dimension erweitert: Nicht nur die Spuren des Bruchs bleiben sichtbar, sondern auch die Verschiedenheit der verwendeten Materialien wird Teil der Gestaltung.


Was bedeutet Yobitsugi?


Der japanische Begriff Yobitsugi (呼び継ぎ) setzt sich aus yobu (呼ぶ), „rufen“ oder „einladen“, und tsugi (継ぎ), „verbinden“ oder „fügen“, zusammen. Wörtlich lässt sich Yobitsugi daher sinngemäß als eine Art „Reparatur durch Einladung“ verstehen.

Gemeint ist eine Technik, bei der Fragmente verschiedener keramischer Objekte miteinander verbunden werden. Das ergänzende Stück stammt also ursprünglich nicht von dem Gefäß, das repariert wird. Es bringt seine eigene Form, Farbe, Glasur und Geschichte in das Objekt ein.


Yobitsugi Chawan von Katsunori Sawa,  Shigaraki-Keramik.  (Foto: Gallery Sentou)
Yobitsugi Chawan von Katsunori Sawa,  Shigaraki-Keramik.  (Foto: Gallery Sentou)

In der praktischen Reparatur kann dies eine naheliegende Lösung sein, wenn das ursprüngliche Fragment verloren gegangen ist. Gleichzeitig eröffnet die Technik einen gestalterischen Spielraum, der weit über eine rein funktionale Ergänzung hinausgeht.

Je nach gewünschter Wirkung können Fragmente ausgewählt werden, die der ursprünglichen Keramik möglichst ähnlich sind. Ebenso ist es möglich, bewusst mit deutlichen Kontrasten zu arbeiten. In der kunsthistorischen Literatur werden entsprechend unterschiedliche Formen der Verwendung fremder Fragmente beschrieben – von einer weitgehenden Anpassung bis hin zu bewusst stark abweichenden Materialien und Formen.


Die Geschichte des Yobitsugi


Yobitsugi besitzt eine lange Verbindung zur japanischen Teezeremonie und zu den ästhetischen Entwicklungen, die sich im Umfeld der Teekultur herausgebildet haben.

Eine besonders eindrucksvolle Geschichte wird mit der Sengoku-Zeit (1467–1615) in Verbindung gebracht. Diese Epoche war von politischen Konflikten und nahezu andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt. Die Teezeremonie bot unter diesen Bedingungen einen besonderen gesellschaftlichen Raum, in dem sich auch rivalisierende Akteure begegnen konnten.


Ein Kintsugi-Künstler sucht die richtige Scherbe für eine Yobitsugi-Reparatur aus. (Foto: ZenKiln)
Ein Kintsugi-Künstler sucht die richtige Scherbe für eine Yobitsugi-Reparatur aus. (Foto: ZenKiln)

Überliefert ist die Geschichte, dass bei Friedensverhandlungen verwendete Teekeramiken zerbrochen und anschließend aus den Fragmenten neu zusammengesetzt worden seien. Auf diese Weise wären die Keramiken der verschiedenen Parteien miteinander verbunden worden. Ob diese Begebenheit tatsächlich stattgefunden hat oder eher als Legende zu verstehen ist, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Dennoch vermittelt die Erzählung sehr anschaulich einen Gedanken, der für Yobitsugi charakteristisch ist: Die Verbindung unterschiedlicher Fragmente kann eine neue Beziehung zwischen ihnen entstehen lassen.


Historisch lässt sich Yobitsugi außerdem mit der Entwicklung der japanischen Teekultur und insbesondere mit Sen no Rikyū (1522-1591) in Verbindung bringen. Die Ästhetik des Wabi, die sich im Umfeld der Teezeremonie entwickelte, schätzte unter anderem Schlichtheit, Asymmetrie und die besondere Wirkung von Objekten, die sich einer vollkommenen oder makellosen Erscheinung entziehen.


Yobitsugi und Wabi-Sabi


Damit berührt Yobitsugi unmittelbar die Gedankenwelt des Wabi-Sabi.

Wie bereits im Artikel „Wabi-Sabi in Japan und Europa – zwischen Ästhetik und gelebter Haltung“ beschrieben, ist es allerdings hilfreich, Wabi-Sabi nicht ausschließlich als ästhetischen Stil zu verstehen.

Im westlichen Sprachgebrauch wird Wabi-Sabi häufig mit dem Schönen im Unvollkommenen, mit Patina, Alterung, Einfachheit und Asymmetrie verbunden. Diese Aspekte spielen zweifellos eine Rolle. Zugleich verweist Wabi-Sabi auf eine weiterreichende Haltung gegenüber Veränderung und Vergänglichkeit. Gerade die Verbindung zwischen ästhetischer Wahrnehmung und einer bestimmten Weise des Betrachtens macht den Begriff so schwer eindeutig zu kategorisieren.


Chawan,15. Jhd., Tokoname-Keramik. Für die Yobitsugi-Reparatur wurde Porzellan aus dem 18. Jhd. eingefügt. (Ausstellung "Flickwerk: The Esthetics of Mended Caramics." Mūnster: Museum fūr Lackkunst, 2008.)
Chawan,15. Jhd., Tokoname-Keramik. Für die Yobitsugi-Reparatur wurde Porzellan aus dem 18. Jhd. eingefügt. (Ausstellung "Flickwerk: The Esthetics of Mended Caramics." Mūnster: Museum fūr Lackkunst, 2008.)

Bei Yobitsugi wird diese Verbindung besonders anschaulich. Die unterschiedliche Herkunft der Fragmente wird nicht zwangsläufig als etwas betrachtet, das gestalterisch ausgeglichen werden muss. Je nach Ausführung kann gerade die Verschiedenheit der Materialien den Charakter des reparierten Objekts bestimmen.


Das Gefäß erhält dadurch eine neue Zusammensetzung, in der die Geschichte des ursprünglichen Objekts mit der Geschichte des hinzugefügten Fragments verbunden wird.


Zwischen Reparatur und künstlerischer Gestaltung


Yobitsugi bewegt sich deshalb in einem Bereich, in dem sich Reparatur und Neugestaltung überschneiden.


Ausgangspunkt kann eine ganz praktische Notwendigkeit sein: Ein Teil des Gefäßes fehlt und muss ersetzt werden. Doch bereits die Entscheidung, welches Fragment dafür verwendet wird, verändert die Erscheinung des Objekts. Form, Farbe, Oberfläche und Proportion des neuen Stücks werden zu Bestandteilen einer neuen Gesamtgestaltung.


"Yobitsugi Teeschale" von Katsunori Sawa, Shigaraki, Shiga Prefecture, 2023 (Foto: Kogei Standard)
"Yobitsugi Teeschale" von Katsunori Sawa, Shigaraki, Shiga Prefecture, 2023 (Foto: Kogei Standard)

In manchen Fällen wird dieser Aspekt noch weitergeführt. In der „Yobitsugi-Teeschale“ (Bild oben), einem handgefertigten Werk des Keramikkünstlers Katsunori Sawa, lassen sich die faszinierenden Landschaften aller vier Keramikstile in einer einzigen Teeschale genießen. Die Farbtiefe von Shigaraki, gebrannt in einem Holzofen, und die Halbtransparenz von Ki-Seto verschmelzen harmonisch mit den zarten Pinselstrichen von Oribe und Shino, während die goldenen Nahtstellen als Akzente dienen und bei Kennern Bewunderung hervorrufen.


Yobitsugi kann damit sowohl aus einer notwendigen Reparatur hervorgehen als auch als bewusstes künstlerisches Verfahren eingesetzt werden.


Die Bedeutung des Fremden


Ein besonderer Reiz dieser Technik liegt in der Tatsache, dass das hinzugefügte Fragment seine Eigenständigkeit bewahrt. Es wird Teil des Gefäßes, ohne notwendigerweise seine ursprünglichen Eigenschaften zu verlieren.


Damit entsteht eine interessante Form von Vielstimmigkeit. Unterschiedliche Materialien und Formen bleiben wahrnehmbar, werden aber durch die gemeinsame Reparatur miteinander verbunden. In diesem Sinne lässt sich Yobitsugi auch als eine Art Dialog zwischen verschiedenen Fragmenten verstehen.


Chawan, 16. Jhd., Karatsu-Keramik (Ausstellung "Flickwerk: The Esthetics of Mended Caramics." Mūnster: Museum fūr Lackkunst, 2008.)
Chawan, 16. Jhd., Karatsu-Keramik (Ausstellung "Flickwerk: The Esthetics of Mended Caramics." Mūnster: Museum fūr Lackkunst, 2008.)

In der Betrachtung reparierter Keramik wird häufig gerade diese Verbindung von Bruch und Kontinuität hervorgehoben. Die Reparatur bewahrt den Moment der Beschädigung und macht zugleich sichtbar, dass das Objekt seine Geschichte fortsetzt. Nach der Reparatur besitzt es eine neue Identität, die sowohl auf seinem früheren Zustand beruht als auch darüber hinausweist.


Das hinzugefügte Fragment wird somit nicht lediglich zum Ersatz für etwas Fehlendes. Es erweitert die Geschichte des Objekts um eine weitere Ebene.


Yobitsugi und die Idee des Asobi


Neben Wabi und Sabi ist im Zusammenhang mit Yobitsugi auch der Begriff Asobi interessant. Asobi lässt sich ungefähr mit Spiel, Freude oder spielerischer Gestaltung übersetzen und steht für eine Haltung, die Vielfalt und kreative Experimentierfreude zulässt.


Besonders mit dem Teemeister Furuta Oribe (1543/44–1615). wird eine solche ästhetische Haltung verbunden. Oribe schätzte ungewöhnliche und teilweise stark deformierte Formen und entwickelte daraus eine Gestaltungssprache, die sich bewusst von einer ausschließlich auf Ausgewogenheit und Perfektion ausgerichteten Ästhetik unterschied. Auch das bewusste Verändern oder Beschädigen von Objekten konnte dabei zu einem künstlerischen Verfahren werden.


"Furuta Oribe entdeckte in stark verformten oder gar deformierten Objekten eine reizvolle Schönheit. Diese Entdeckung veranlasste ihn ... dazu …, Objekte, die er als „zu perfekt“ ansah, bewusst zu beschädigen. Damit sprengte er radikal die Grenzen des üblichen Designprozesses oder erweiterte sie." Charly Iten

Für Yobitsugi eröffnet diese Perspektive einen weiteren Zugang. Die Verbindung verschiedener Fragmente muss nicht allein von der Absicht bestimmt sein, eine Beschädigung möglichst harmonisch zu ergänzen. Sie kann ebenso zu einem eigenständigen gestalterischen Prozess werden, bei dem Kontraste, unterschiedliche Materialien und überraschende Kombinationen ausdrücklich erwünscht sind.


Ein neues Ganzes


Vielleicht liegt hierin eine der interessantesten Eigenschaften des Yobitsugi: Das reparierte Objekt verweist nicht nur auf seine Vergangenheit, sondern entwickelt durch die Reparatur eine neue Gegenwart. Das ursprüngliche Gefäß bleibt erkennbar, und zugleich verändert sich seine Identität durch das hinzugefügte Fragment. Zwei oder mehrere keramische Geschichten werden miteinander verbunden, ohne dass ihre Unterschiede vollständig verschwinden.


So betrachtet ist Yobitsugi mehr als eine technische Variante der Keramikreparatur. Die Technik zeigt, wie aus unterschiedlichen Fragmenten eine neue Einheit entstehen kann, die ihre Verschiedenheit nicht unbedingt auflösen muss, um als Ganzes wahrgenommen zu werden.


Quellen:


Bartlett, Christy. “A Tearoom View of Mended Ceramics.” In Flickwerk: The Esthetics of Mended Caramics. Mūnster: Museum fūr Lackkunst, 2008.


Iten, Charly “Ceramics Mended with Lacquer – Fundamental Aesthetic Principles, Techniques and Artistic Concepts” In Flickwerk: The Esthetics of Mended Caramics. Mūnster: Museum fūr Lackkunst, 2008.



Kogei Standard “A symphony of scenes” 2023.


Fallières, Didier “Variations on Kintsugi”, 2025.



Bei diesem Artikel wurde KI für die Ausformulierung zu Hilfe genommen. Thema, Bildauswahl und Korrekturen an der Ausformulierung sind ohne KI erstellt worden.

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